Presse

Presse

Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 59, Nr. 16, 19. April 2008

Report Thema: Bauen - Wohnen -

Garten Treibholz landet im Wohnzimmer

Aktuelle Wohntrends lösen alte Gewohnheiten ab – Schrankwände sind „out“

Artikel aus Rubrik REPORT München – In den Wohnzimmern tut sich Bemerkenswertes. Was einst allgemein üblich war, gehört plötzlich zum alten Eisen. Manche Neuheit wirkt recht ungewohnt.

Tische aus Treibholz? Solche Möbel dürften manch einem eigenartig erscheinen. Und doch sind sie, man mag es kaum glauben, der letzte Schrei. „Treibholzware und Hölzer aus alten Dachstühlen sind groß im Trend, daraus werden zum Beispiel tolle Tischplatten gemacht“, bestätigt Rolf Meiborg. Der 59-Jährige beschreitet als Mitinhaber der Agentur für Handel und Dienstleistungen in München selbst ungewöhnliche Wege: Unter dem Namen Favola-Einrichtungen verkauft er Möbel ausschließlich per Internet.

Von der „frischen Designwelt der jungen Wilden“ war kürzlich auf der Kölner Möbelmesse imm-cologne die Rede. Ein Unternehmen, das sich auf so genannte Wildholzmöbel spezialisiert hat, sammelt „Grünschnitt und Treibholz“, um Möbel „nach der Struktur der Äste und Stücke“ zu bauen. Anderswo werden Einrichtungsgegenstände mit Steinen gewaschen mit entsprechendem optischen Ergebnis – „stone-washed“ genannt, eine Technik, die man eher von Jeans kennt.

Nicht alles mag jedermanns Sache sein. Einige aktuelle Wohntrends aber lassen manche Gewohnheit schlicht veraltet erscheinen: Schrankwände sind „out“. Gefragt sind stattdessen Einzelstücke, leichte und flexible Wohnwände. Und statt großer Polstergarnituren werden vielfach Sessel unterschiedlichster Art um ein Sofa gruppiert, und an 92 Zentimeter hohen Tischen kann man halbhoch wie in modernen Bistros sitzen.

Altmodisch können selbst Türen in Wohnungen wirken. Mehr als 40 Prozent der Bauherren bevorzugen eine Kombination von Wohnen, Essen und Kochen in einem Raum, wie die Holzfertigbaufirma Regnauer in Seebruck am Chiemsee in einer Untersuchung festgestellt hat. Die traditionelle Aufteilung in einzelne Räume, folgert sie, „hat weitgehend ausgedient“.

Aber es gibt auch Comebacks. Holz etwa ist nach Meiborgs Beobachtungen gefragt – Eiche in jeder Form, auch Wildeiche und Kernbuche. Dunkle Holztöne sind aktuell. Ansonsten dominiert überall bis hin zu den Polstermöbeln die Farbe Weiß – von antikweiß bis zu lichtweiß in aktuellen Verarbeitungsformen. Daneben bleibt aber auch für kräftige andere Farbtöne Platz.

Die Wegwerfgesellschaft jedoch scheint beim Einrichten aus der Mode zu kommen. Möbel von bleibendem Wert sind gesucht. Sie müssen allerdings mehr Anforderungen als früher erfüllen. Deshalb werden zunehmend technische Hilfsmittel direkt in die Einrichtung integriert – von Flachbildschirmen bis zu Lautsprecherboxen. Zu Vitrinen, Kleiderschränken und Betten gehören heutzutage LED-Lichter, und in modernen Küchen werden die Schubläden elektrisch bewegt, so dass sie durch leichtes Antippen geöffnet und geschlossen werden können.

An regionalen Überzeugungen können jedoch offenbar auch die modernsten Wohntrends nichts ändern. Traditionsreiche Bauweise und der Landhausstil, wie sie vielerorts in Bayern bevorzugt werden, bleiben nach Meiborgs Beobachtungen unverändert prägend. Das neue Design wird einfach ideenreich mit ihnen verbunden.

Lorenz Goslich